Krankheiten der Meerschweinchen
·
Hautkrankheiten
· Juckreiz:
am häufigsten bedingt durch Haarlinge (Th.: Ektoparasitenpuder mehrfach),
Dermatophyten (Th.: Imaverolâ lokal alle 3 Tage 1 : 50 verdünnte
Gebrauchslösung) oder Räude- bzw. Demodexmilben (Th.: Ectovetshampooâ) - in
hartnäckigen Fällen u.U. Ivermectin (0,1 mg/kg KM s.c. in Abständen von 8 -
10 Tagen). Gelegentlich auch Allergie auf Einstreu (Therapie: Einstreuwechsel).
· Endokrine Alopezie:
physiologisch als Alopecia post partum (keine Therapie)
pathologisch bei östrogenproduzierenden Eierstockszysten (Th: einmalige Gabe
von 10 mg Chlormadinonacetat (Gestafortinâ), nach 5 - 6 Monaten wiederholen;
Ovariohysterektomie)
iatrogen nach Östrogenapplikation (Th.: Östrogenmedikation absetzen)
· Lippengrind (Cheilitis):
Ursache kann ein fütterungsbedingter Mangel an essentiellen Aminosäuren,
Fettsäuren, Vitaminen (bes. A, B, C) und Spurenelementen (bes. Magnesium,
Mangan, Zink, Cobalt) sein, der eine Infektion mit Staphylokokken und/oder
anderen Keimen begünstigt. Therapie: Multivitaminpräparate und Vitamin C 50
- 100 mg/Tier und Tag; Sonnenblumen- oder Leinsamenkerne geschrotet 1 TL pro
Tag; lokal auf die betroffenen Hautstellen Surolanâ
· Pododermatitis
Schwielen, Abszesse oder Granulome an den Ballen bedingt durch ungünstige
Faktoren wie Mangel an Vitaminen, Fettsäuren, Aminosäuren etc., vor allem
Adipositas (Fettsucht), chronische Fehlfütterung mit Körnermischungen statt
cellulosereicher Futtermittel, mangelnde Hygiene (Harnstoff hat
keratinolytische Wirkung!), ungenügender Einstreuwechsel, ungeeignete rauhe
oder Drahtböden, mangelnde Bewegung. Therapie: Abstellen der Ursache(n), Haltung
auf dicker Heumatte und ggf. lokale Antibiose, Granulome chirurgisch
entfernen, Heilung unter Verband - cave Heilung verzögert bis schlecht!
· Halsabszeß:
Ursache ist meist eine primäre Infektion der Mund- oder Rachenschleimhaut
mit Befall der submandibulären Halslymphknoten (Therapie: Abszeßspaltung, Spülung
mit Lavaseptlösungâ 1 - 2%ig, lokal z.B. Supronalâ -Suspension, Drainage
für 24 h).Tipp: Homöopatisch: Silicea D12 ein mal am Tag 2-3 Globoli.
· Talgdrüsenadenome bzw. Talgdrüsenfollikelzysten des Kaudalorgans:
bis zu golfballgroße, solitäre, haarlose Umfangsvermehrungen im kaudalen
Lendenwir-belsäulenbereich sind mit schwarz-grauer, schmierig-breiiger Masse
gefüllt (Therapie: OP).
· Anorexie / Inappetenz
· Zahnanomalien:
Zu lange Zähne, Zahnspitzen der Backenzähne, Zahnbrücken, Verlust des
Gegenzahnes, Gingivitis, Gaumengeschwür (Th.: Zahn- und Mundhöhlenkontrolle
und entsprechende Behandlung ), sonstige Erkrankungen der Mundhöhle (Adspektion
mittels Othoskop!)
· Hyalinschollige Degeneration der Kaumuskulatur
· Leberverfettung
· Nierenerkrankungen
· Verdauungsstörungen (s.u.)
· Vitamin-C-Mangel
Therapie: Behandlung der Grundkrankheit und symptomatische Behandlung:
Infusion (50 ml/kg, die eine 20%ige Glucoselösung mit beinhalten sollte), um
der Austrocknung sowie der Ketosegefahr zu begegnen, Vitamin-B-Komplex,
Biodyl, Kortison, Anabolikum, ggf. Zwangsernährung (am besten mit
Säuglingsfertignahrung, die Karotten, Äpfel oder Bananen enthalten sollte).
Prognose: Eine Aussicht auf eine Restitutio ad integrum ist nur gegeben,
wenn Zahnanomalien frühzeitig erkannt und behoben werden können und die
Tiere über eine noch gute Konstitution verfügen. Bei bereits bestehenden
Stoffwechsel- und Verdauungsstörungen kann es schwierig sein, die
Meerschweinchen wieder appetent zu bekommen.
· Verdauungsstörungen
· Tympanie:
Ursache: Fütterungsfehler wie zu viel frischer Klee im Frühling,Salate,erhitztes
Grünfutter, erhitztes und zu junges Heu, stärkereiche Futtermittel in
Kombination mit Kohl, überfrorene Rüben oder Kohlblätter im Herbst;
· Gastroenteritis:
Ursache: Aufnahme großer Mengen besonders schmackhaften Futters mit leicht
gärenden Anteilen, verdorbenen, verschmutzten, erhitzten, gefrorenen oder
schimmligen Futters, frisch geerntetem Hafer oder frisch getrockneten Heus
sowie frisch gemähten und sehr kurz geschnittenen Rasenstückchen.
· Obstipation:
Ursache: Verfütterung ballaststoffreichen, wasserarmen, verholzten
Grünfutters und/oder unzureichendes Wasserangebot; Verstopfung der
Perinealtaschen bei älteren Böcken
Therapie: Behebung der Verstopfung manuell, per Klistier, Einlauf, Gleitgel,
OP, etc., dann Therapie wie unten beschrieben.
· Antibiotikaempfindlichkeit:
Eine systemische Antibiose sollte beim Meerschweinchen sehr genau abgewogen
werden. Analog zum Kaninchen ist zu berücksichtigen, dass eine Antibiose
immer die Darmflora (überwiegend Bazillen, Laktobazillen) in Mitleidenschaft
zieht. Dabei reagieren Meerschweinchen auf die systemische Applikation von
Penicillinen, Streptomycin, Methicillin, Erythromycin, Lincomycin,
Bacitracin, Spiramycin, Tylosin und Tetracyclinen mit einer einseitigen
Wirkung auf die überwiegend grampositive Darmflora besonders empfindlich.
Indem die physiologische darmeigene Keimflora des Dickdarms, insbesondere
des Caecums, durch diese Antibiotika in ihrer Entwicklung gehemmt wird oder
zum Erliegen kommt, können sich gramnegative Bakterien wie koliforme Keime
und Clostridien im gesamten Darmkanal massenhaft vermehren (Dysbakterie).
Die Folgen sind: unvollständige Aufschließung der Nahrung, Verschiebung des
Säure-Basen-Gleichgewichts, Alkalisierung des Dickdarminhaltes durch
veränderte Sekretionstätigkeit der Darmdrüsen von pH 5,5 - 6,8 im Caecum
bzw. 5,0 - 6,8 im Colon auf Werte von pH 7,5 und höher, wodurch wiederum
günstige Bedingungen für die weitere Vermehrung der Kolikeime gegeben ist.
Diese besiedeln aszendierend den Dünndarm und gelangen auf dem Blutweg in
verschiedene Organe. Die Resorption der von ihnen gebildeten Endotoxine
führt zur Koliseptikämie. Das Krankheitsgeschehen kann einen perakuten bis
akuten Verlauf nehmen mit Enteritis, Koliseptikämie und plötzlichen
Todesfällen oder auch einen subakuten Verlauf mit Dysenterie und wenig
gestörtem Allgemeinbefinden.
Therapie:
1. Silibon (1 ml mit 5 ml Wasser verdünnt mehrmals täglich alle 4 - 6 h oral
eingeben gegen die feinschaumige Gärung in Caecum und Colon)
2. Vitamin-B-Komplex, Vitamin C, Elektrolyt- und Glucoselösung
3. Metoclopramid als Spasmolytikum (besser als N-Butyl-Scopolamin, welches
die Peristaltik vollständig hemmt!)
4. Homöopathisch unterstützend: Nux vomica comp. PLVâ (Fa. PlantaVet) 0,5 -
1 ml s.c. und alle 4 h oral durch den Tierbesitzer
5. Breitspektrumantibiotikum, das auf die grampositive und die gramnegative
Flora wirkt wie z.B. Gentamicin (2 mg/kg KM s.c. nach 12 h wiederholen, dann
alle 24 h), Polymyxin B, (Neomycin (z.B. Floracid-Tabl. 2 mal täglich ¼
Tabl. p.o.)
6. Im Anschluss an die Antibiotikaverabreichung Aufbau der Darmflora durch
Fermatolactâ (1 g Pulver ins Trinkwasser oder mittels Spritze eingeben) oder
Perenterolâ (ein Drittel Kapsel pro Tag oral).
7. ausschließlich Heu und Wasser über eine Woche
· Fortpflanzungsstörungen
· Endometritis:
Ursache: Yersinia pseudotuberculosis, Pasteurella multocida
Therapie: Antibiose (Chloramphenicol 20 - 40 mg/kg KM s.c.),
Ovariohysterektomie
· Torsio uteri:
Ursache: voll entwickelte Früchte führen durch Bewegung zur Drehung um die
Längsachse eines Uterus
Therapie: Sectio caesarea, Infusionen mit Glucoselösung,
Kreislaufstabilisierung!
· Trächtigkeitstoxikose
Ursache: adipöse Tiere weisen Fettleber auf mit Beeinträchtigung der
Leberfunktion
Diagnostik: klin. Bild und Urinprobe mit Sticks (Ketonurie, Proteinurie,
Azidose: Harn-ph-Wert sinkt von normal 9 auf 5 - 6!) )
Therapie: ggf. Kaiserschnitt (Erfolg sehr, sehr fraglich!); Glucose, Calciumgluconicum oder
Calciumcarbonat, Glucocorticoide, Elektrolytlösungen s.c., Antitox (Firma
Phönix),
Vorbeugung
Tiere vitaminreich und Körnerarm ernähren, schwere Tiere vor der Geburt
wiegen und bei einem Gewichtsverlust von 50 Gramm sofort mit der Therapie
beginnen.
Prognose: schlecht
· Ovarialzysten:
Umfangsvermehrungen in Flankenregion in Kombination mit symmetrischem
Haarausfall (s.o.)
· Infektionskrankheiten
· Meerschweinchenlähme
Die Meerschweinchenlähme ist eine durch ein nicht klassifiziertes
neurotropes Virus bedingte Gehirn- und Rückenmarksentzündung, die
hauptsächlich in Beständen eine große Problematik darstellt und weniger in
der Heimtierhaltung. Die Inkubationszeit wird mit 9 bis 23 Tagen angegeben.
Die Symptomatik besteht in Futterverweigerung, struppiges Haarkleid,
Atembeschwerden, Kotanschoppung in der Perinealtasche, Zittern, Abmagerung,
krampfartige Zuckungen der Rücken, Hals- und Schultermuskulatur, Schwäche
der Hinterextremitäten bis hin zur schlaffen Lähmung. Tod nach 2 - 10 Tagen,
u.U. erst nach 3 bis 4 Wochen. Therapie: Euthanasie. In Versuchsbeständen
Merzung des gesamten Bestandes.
· Lymphozytäre Choriomeningitis - CAVE: ZOONOSE (-ansteckend für Menschen!)
Die Infektion wird durch ein Arenavirus verursacht, dessen Hauptreservoir
mit regional unterschiedlicher Befallsstärke wildlebende Mäuse sind (CAVE:
Freilandgehaltene Meerschweinchen!!!) Der Erreger wird von den Mäusen über
Harn, Kot und Speichel ausgeschieden. Infektionsempfänglich sind außer
Meerschweinchen und Hamster, die in der Regel latente Infektionen
durchmachen, vor allem der Mensch, der mit grippeähnlichen Symptomen
reagieren kann bis hin zu schweren zentralnervösen Störungen bedingt durch
Meningitis und Enzephalitis. Für den Menschen sind junge, frisch infizierte
Meerschweinchen gefährlicher als adulte Tiere, die inzwischen selbst die
Infektion bekämpft haben und immun geworden sind.
Die Symptome beim Meerschweinchen können sein: Konjunktivitis, Erkrankungen
des Atemtraktes, Exsikkose, Entwicklungsstörungen bei Jungtieren.
Die LCM kann mittels KBR nachgewiesen werden. Positive Tiere sind wegen der
Zoonosegefahr zu euthanasieren.
· Leukämie
Die Leukämie der Meerschweinchen wird durch Onkornaviren verursacht.
Häufigster In-fektionsweg soll der diaplazentare und lactogene Weg sein.
Symptomatisch fallen die Tiere durch generalisiert vergrößerte Lymphknoten
auf, die besonders im ventralen Halsbereich, in den Achseln und Kniefalten
bis auf Pflaumengröße und mehr anwachsen können. Manche Meerschweinchen
bleiben in diesem Zustand über Monate bis Jahre. Erst eine Generalisierung
der Lymphknotenschwellungen besonders bei den Darmlymphknoten führt zur
Beeinträchtigung der Verdauung, der Futteraufnahme und des Kotabsatzes.
Häufig sind auch die inneren Organe wie Leber, Milz und Nieren leukotisch
verändert, so dass nur die Euthanasie als Ausweg bleibt.
· Viruspneumonie
Der Erreger ist ein Adenovirus und besonders in großen Beständen sehr
gefürchtet. Er wird durch Kontakt von Tier zu Tier übertragen, wobei
resistenzmindernde Faktoren eine wichtige Rolle spielen sollen. Die
Inkubationszeit beträgt 5 bis 10 Tage, der Tod tritt ein innerhalb von 6 bis
15 Tagen ein nach Pneumonie, Nasenausfluss und Inappetenz. Die Infektion ist
von geringer Infektiosität, jedoch hoher Letalität gekennzeichnet.
· Speicheldrüsenvirus-Infektion - CAVE: ZOONOSE
Der Erreger ist ein Zytomegalievirus aus der Familie der Herpesviren mit hoher Artspezifität, der jedoch auch für den Menschen pathogen sein kann! Nach oraler Infektion kommt es zur Entzündung der Speicheldrüsen und der Speicheldrüsengänge sowie der Tränendrüsen, wodurch es zu starkem Speicheln, vermehrter Tränensekretion, mumpsähnlicher und respiratorischer Symptomatik kommt. In schweren Fällen tritt eine vom hinteren Ende der Wirbelsäule kopfwärts fortschreitende Lähmung hinzu. Symptomatische Therapie, in großen Beständen Merzung oder auch Durchseuchung, da genesene Tiere gegen die Krankheit immun sein sollen. Nachweis histologisch durch Einschlusskörperchen.
· bakterielle Infektionskrankheiten
Im folgenden werden die bei Meerschweinchen relevanten bakteriellen
Infektionserreger sowie die durch sie verursachten charakteristischen
Symptome tabellarisch aufgeführt:
Erreger Symptomatik
Staphylokokken sekundär nach Hautverletzungen, Dermatitis, Cheilitis, Abszesse, eitrig-abszedierende Lymphadenitis submandibularis et cervicalis, Zahnfach- und Kieferentzündungen, Konjunktivitis, Mastitis, Pyometra, Infektion der harnableitenden Wege, Pododermatitis, Otitis media,
Streptokokken
akute bis perakute Pneumonie mit septikämischer Verlaufsform,
chronische Verlaufsform mit lokaler Abszeßbildung.
Diplokokken Rhinitis mit Nasenausfluß, Niesen, Husten, Konjunktivitis, Atembeschwerden und Gewichtsverlust, verklebtes Fell auf den Innenseiten der Vorderbeine durch häufiges Nasereiben, Bronchopneumonie, Magen-Darmkatarrh, in schweren Fällen fibrinöseitrige Peritonitis, Nephritis, Leber- und Lungenabszesse, Pyometra und Vaginitis, Otitis media mit Gleichgewichtsstörungen; Meningitis.
Bordetellen hochkontagiöse Rhinitis und Konjunktivitis mit ausbreitender Tendenz zu Bronchopneumonie mit hohen Verlustraten bis zu 100 % in Beständen.
Klebsiellen
bei abwehrgeschwächten Meerschweinchen schwere Pneumonie und Pleuritis,
Rhinitis, Otitis media, nach Haut- und Wundinfektionen Haut- und
Lymphknotenabszesse bei perakut oder akut septikämischem oder chronischem
Verlauf, u.U. plötzliche Todesfälle ohne ausgeprägte Symptomatik zuvor
Pasteurellen hämorrhagische Septikämie, meist bei widerstandsgeschwächten
Tieren, schwere Pneumonie, Krämpfe, Diarrhoe, Letalität bis 100 %
Yersinien Yersinia pseudotuberculosis befällt außer Meerschweinchen vor allem Kaninchen und Hasen, weshalb die Krankheit als Nager-tuberkulose (Rodentiose) bezeichnet wird: Abmagerung, Durchfall, Husten bis Atemnot, Schwäche, Lähmungen und plötzliche Todesfälle; bei chronischen Verlaufsformen chronische Lymphadenitis mit Abszedierung entzündeter Halslymphknoten
Kolibakterien sind als Indikator einer Dysbakteriose zu werten, häufig iatrogen nach Antibiotikagaben (Penizilline); akuter Verlauf mit struppigem Fell, Apathie, Inappetenz, Diarrhoe, schnelle Abmagerung, Tod
Salmonellen S. typhimurium und S. enteritidis können in Versuchstierhaltungen und Zuchtbeständen Gastroenteritiden verursachen, in der Heimtierhaltung eher selten
In jedem Falle ist ein Erregernachweis mit Antibiogramm als erstes Mittel der Wahl anzusehen. Als erste Maßnahme ist ein Breitbandantibiotikum angezeigt wie z.B. Chloramphenicol, Gentamycin, Enrofloxacin, Sulfonamid-Trimethoprim.
Literatur
COOPER, Gale,
und Alan L. Schiller (1975)
Anatomy of the Guinea Pig
Harvard University Press
GABRISCH, K.,
und P. ZWART (1998)
Krankheiten der Heimtiere
Verlag Schlütersche, 4. Aufl.
HAMEL, Ilse
(1994)
Das Meerschweinchen als Patient
Gustav Fischer Verlag