Anatomische und physiologische Besonderheiten
· Mundhöhle
Alle Zähne
des Meerschweinchens haben offene Wurzeln, d.h. sie wachsen zeitlebens und
sind deshalb auf einen ständigen Abrieb angewiesen. Die Zähne wachsen 1,2
bis 1,5 mm pro Woche, d.h. 5 bis 6 mm pro Monat. Die Schneidezähne weisen
nur auf der Vorderseite einen Schmelzüberzug auf. Dadurch werden die
schmelzunbeschichteten labialen Zahnflächen mehr abgenutzt und es entsteht
die physiologische meißelartige Form der Inzisivi, die damit Schärfe zum
Abbiss gewinnen. Die Molaren sind von Schmelzfalten durchzogen und weisen
buccal und lingual tiefe Furchen auf. Die Kauflächen der
Oberkieferbackenzähne sind stark backenwärts geneigt, die des Unterkiefers
stark nach lingual. Gleichzeitig weisen die Backenzahnreihen pro Kiefer von
oral nach aboral divergierende Zahnreihen auf. Das Abbeißen oder Abnagen
erfolgt durch seitliche Unterkieferverschiebungen. Für den eigentlichen
Kauvorgang wird die Nahrung durch vor- und rückwärtige
Unterkieferverschiebungen sehr fein zwischen den Backenzähnen zerrieben.
Dieser Kauvorgang ist für Nagetiere und Kaninchen typisch, da sie als
Kiefergelenk ein Schlittengelenk mit rinnenartiger Gelenkgrube besitzen.
Der Zahnwechsel vom Milch- zum permanenten Gebiss soll zwischen dem 43. und
49. Trächtigkeitstag intrauterin stattfinden, die Milchzähne bis zum 55. Tag
wieder resorbiert sein, so dass Meerschweinchen mit einem permanenten Gebiss
geboren werden, bei dem nur der M3 das Zahnfleisch noch nicht durchbrochen
hat.
Die Mundhöhle des Meerschweinchens ist gekennzeichnet durch wulstige Lippen, wovon die obere die für alle Nager und Kaninchen charakteristische mediane Spalte (Raphe) aufweist, die jedoch nicht besonders ausgeprägt ist. An den Übergängen von der Unter- zur Oberlippe zieht die behaarte Lippenhaut weit ins innere des Mundraumes als Inflexum pellitum. Sie bildet oberhalb der Mundwinkel beidseits 2 große vordere Backenwülste, deren Innenränder sich bei geschlossenen Kiefern hinter den Inzisiven oberhalb der Zungenspitze berühren, so dass die Mundhöhle in einen vorderen "Nageraum" und einen hinteren "Kauraum" unterteilt wird, sowie 2 kleinere hintere Backenwülste, die bei geschlossenem Kiefer hinter den Inzisivi und bis unmittelbar vor den Oberkiefer-Praemolaren liegen. Hinter den Oberkiefer-Schneidezähnen liegt medial ein lang gestreckter Knorpelhöcker, die Papilla incisivi, an deren aboralem Ende die paarigen dünnen Nasengaumengänge münden. Diese Ductus nasopalatini verlaufen von der Nasenscheidewand aus schräg ventral zum Gaumen und verbinden so Mund- und Nasenhöhle. In die Ductus mündet das Jacobson`sche Organ, ein akzessorisches Geruchsorgan, das aus zwei mit Riechepithel ausgekleideten Blindschläuchen besteht und in einer Knorpelscheide des Vomer liegt. Die Mundhöhle wird Rachenwerts mit dem Gaumensegel abgeschlossen, wobei dieses ventral von einem konkaven Rand gebildet wird, der nicht im eigendlichem Sinne ein Zäpfchen trägt. Tonsillen besitzt das Meerschweinchen nicht!
Praxisrelevante Aspekte:
Eine regelmäßige, gleichmäßige Abnutzung der Zähne steht
physiologischerweise im Gleichgewicht mit einem dauerhaften Zahnwachstum.
Wenn dieses Gleichgewicht gestört ist, kommt es zu unzureichender
Zahnabnutzung und infolgedessen zu Zahnüberlängen. Eine ausreichende
Zahnabnutzung ist nur gewährleistet, wenn den Meerschweinchen eine
grobstrukturierte rohfaserreiche Fütterung gewährleistet wird, die ein
intensives Mahlen der Backenzähne notwendig macht, d.h. Heu oder Gras - wie
bei den Wildformen der Meerschweinchen in den Anden! - Ist das Grundfutter
für diese Tierart, das zusätzlich durch Frischfutter (Blätter, Kräuter, Obst, trockenes Brot) zum Zwecke der Abwechslung und
Beschäftigung ergänzt werden kann.
Im Gegensatz zum Kaninchen sind Zahnfehlstellungen beim Meerschweinchen weitaus weniger häufig anzutreffen, da im Gegensatz zum Kaninchen nicht so extrem auf Kurzköpfigkeit und Zwergwuchs gezüchtet wurde, aber in seltenen Fällen sind auch Fehlstellungen und eine erbliche Unterkieferprognathie (Zuchtausschluß!) zu beobachten. Weitaus häufiger werden beim Meerschweinchen Zahnspitzen der Backenzähne und sogar Brückenbildungen der UK-Backenzähne mit Einwachsen in die Zunge oder die Backenschleimhaut beobachtet.
· Verdauungskanal
Der Magen ist einhöhlig und bis auf die Pylorusregion sehr dünnwandig aufgrund einer nur geringgradig ausgebildeten Tunica muscularis. Das Meerschweinchen kann aufgrund dessen nicht erbrechen und nimmt über den Tag verteilt mit einem zirkadianen Bigeminus in den Dämmerungszeiten wie das Kaninchen 60 - 80 kleine Mahlzeiten auf, die gleichzeitig für den Weitertransport des Mageninhaltes wichtig sind. Das Fassungsvermögen des Magens beträgt bei einem adulten Tier ca. 20 bis 30 ml.
Praxisrelevante Aspekte:
Ein Ausnüchtern des Meerschweinchens praeoperativ ist nicht sinnvoll, da
mangels erneuter Futteraufnahme auch die Magenentleerung sistiert. Das
Meerschweinchen kann nicht erbrechen und somit ist auch kein
Futteraspirationsrisiko in der Narkose zu fürchten. Eine Ausnüchterung
könnte stattdessen eine Ketose initiieren, wodurch eine zusätzliche
Narkosebelastung erst zu einem echten Risiko wird.
Eine artgerechte Fütterung sieht eine ständige Verfügbarkeit von Grundfutter
vor. Portionierte Fütterungen entsprechen nicht der Verdauungsphysiologie
des Meerschweinchens.
Der Dünndarm des Meerschweinchens ist durch einen ampullenförmigen Anfangsteil des Duodenums (Ampulla duodeni) gekennzeichnet. Ansonsten weist er keine nennenswerten anatomischen oder physiologischen Besonderheiten auf. Das Dünndarmkonvolut liegt im ventralen Teil der rechten Bauchhöhlenseite.
Der Dickdarm
des Meerschweinchens hingegen ist analog zum Kaninchen auf eine
Zellulo-severdauung spezialisiert:
Das Caecum beinhaltet ca. zwei Drittel des Gastrointestinalinhaltes und
füllt ein Drittel der Bauchhöhle aus. Es liegt hufeisenförmig der ventralen
Bauchwand an und wird in Kopf, Körper und Schwanz unterteilt. Es gibt
keinen Appendix vermiformis. Das Caecum wird in Längsrichtung durch drei
Bandstreifen - zwei lange und ein kurzer - gerafft. Das Caecum ist der Ort
der bakteriellen Zelluloseverdauung. Die Darmflora besteht überwiegend aus
Anaerobiern und grampositiven Bakterien (Kokken, Laktobazillen), wohingegen
E. coli und Cl. perfringens nur passager vorkommen. Eine hohe Keimzahl der
zuletzt genannten Keime ist immer als Dysbakteriose zu werten und meist
durch Fütterungsfehler bedingt.
Im Caecum wird die Caecotrophe gebildet, die unmittelbar vom Anus weg wieder
oral aufgenommen wird. Sie enthält bakteriell synthetisierte Vitamine,
wobei den Meerschweinchen im Laufe der Evolution der intermediäre
Synthesemechanismus für Vitamin C verloren gegangen ist. Folglich sind sie
auf die exogene Zufuhr von Vitamin C angewiesen, was bei der Wild-Form über
das hochgradig Vitamin C-haltige Gras der Andensteppen gewährleistet ist, im
Falle reiner Heugabe beim Heimtier jedoch nicht. Der Bedarf liegt bei 10
mg/kg KM und Tag.
Das Colon
kann in insgesamt 5 Abschnitte eingeteilt werden, wobei die ersten drei
Abschnitte dem Colon ascendens entsprechen. Es folgen Colon transversum und
descendens. Das C. ascendens verfügt über einen Separationsmechanismus, der
durch eine an der dem Mesenterium zugewandten Darmwand gelegene Rinne für
den retrograden Transport von Zellulosepartikeln zurück ins Caecum befähigt
ist, womit erklärt werden kann, warum Meerschweinchen bei rohfaserarmer
Fütterung dennoch lange Zeit einen Zellulosemangel kompensieren können.
Weitaus empfindlicher reagieren sie auf systemische Antibiotikagaben, da
jede Störung der physiologischen Mikroflora zur Vermehrung koliformer
Mikroorganismen führen kann, die die zelluloseverdauenden Bakterien
überwuchern und nicht zur Synthese essentieller Metaboliten fähig sind.
Praxisrelevante Aspekte:
Die Magen-Darmtrakt-Gesamtlänge des Meerschweinchens ist mit der 10fachen
Körperlänge der des Kaninchens analog. Aufgrund der langen Verweildauer des
Darminhaltes im Caecum ist durchschnittlich mit einer Passagezeit von 5
Tagen zu rechnen, was im Falle einer Röntgenkontrastuntersuchung mit
Bariumsulfat zu berücksichtigen ist.
Eine systemische Antibiose ist nach gründlicher Abwägung nur dann indiziert,
wenn eine lebensbedrohliche bakterielle Erkrankung (Lungenentzündung,
Nierenentzündung, etc.) nicht anders behandelt werden kann.
· Harnapparat
Die Nieren des Meerschweinchens sind glatt und einwarzig. Der Harntrakt
weist ansonsten keine nennenswerten Besonderheiten auf.
Praxisrelevante Aspekte:
Insgesamt selten, jedoch häufiger bei weiblichen als bei männlichen Tieren
werden Harnsteine beschrieben, die häufiger in der Urethra als in der
Harnblase vorliegen können. Am meisten treten Kalziumkarbonatsteine auf,
beschrieben wurden auch Struvitsteine. Da die Tiere sehr unspezifische
Symptome aufweisen können, sollte im Falle von Inappetenz, Abmagerung,
Zähneknirschen als Schmerzausdruck sowie bei Hämaturie an die Möglichkeit
von Urolithen differentialdiagnostisch gedacht werden. Häufig sind
Salzlecksteine die Ursache für Harnsteine.
· Geschlechtsorgane
Die Geschlechtsbestimmung ist auch beim neugeborenen Meerschweinchen leicht
durchführbar: Während beim Männchen durch einen leichten Daumendruck auf den
Bauch unmittelbar vor der Genitalöffnung der Penis hervorgelagert werden
kann, erkennt man das weibliche Tier im Anogenitalbereich ohne manuelle
Manipulation aufgrund der für das weibliche Geschlecht typischen y-förmig
angeordneten Hautwülste, welche Perinealtasche, Anus und Vagina verdecken.
Jungtiere kommen als Nestflüchter zur Welt. Sie könnten bereits nach 21
Tagen (bei einem Gewicht von 250 Gramm) vom Muttertier abgesetzt werden.
Praxisrelevante Aspekte:
Die weiblichen Meerschweinchen kommen in der Regel im 2. Lebensmonat in die
Geschlechtsreife, frühreife Tiere auch schon im Alter von 3 bis 4 Wochen.
Dies hat insofern Konsequenzen, als in Zoohandlungen häufig
Meerschweinchenfamilien zusammen gehalten werden, so dass bei frühreifen
weiblichen Jungtieren das Vatertier diese bereits gedeckt hat, wenn die
Tiere als Jungtiere verkauft werden. Tragik für das Tier: In der Regel ist
das trächtige Jungtier noch nicht zuchtreif und somit mit den Nachkommen
überfordert. Tragik für den Tierkäufer - meistens Kinder - das
Meerschweinchen bekommt unerwünschten Nachwuchs. Hier fehlt es häufig an
Aufklärung des Zoopersonals.
Männliche Geschlechtsorgane:
Die Hoden des männlichen Meerschweinchens liegen bei der Geburt noch
abdominal und treten in der 6. Lebenswoche durch den Leistenkanal bis in
eine nur schwach vorgewölbte Skrotaltasche. Die Männchen sind in der Lage,
ihre Hoden mithilfe des M. cremaster durch den geöffneten Inguinalkanal
jederzeit in die Bauchhöhle einzuziehen. Hoden und Nebenho-den werden beim
adulten Tier von einem mächtig ausgebildeten Fettkörper kappenartig umhüllt.
Meerschweinchen haben deutlich ausgebildete akzessorische Geschlechtsdrüsen:
Die zweigeteilte, bis 10 cm lange, stark geschlängelte, in die Beckenhöhle
hineinragende Samenblasendrüse (Gl. vesicularis), die paarig angelegte
Prostata sowie die Cowperschen Drüsen. Männliche Meerschweinchen werden ca. im
dritten Monat geschlechtsreif. Sie besitzen einen dünnen langen
Penisknochen.
Praxisrelevante Aspekte:
Die Kastration männlicher Meerschweinchen wird in der Regel ausschließlich
zur Vermeidung von Nachwuchs verlangt. Da männliche Meerschweinchen auch mit
gleichgeschlechtlichen Vertretern ihrer Art auskommen können, ist aus
Tierschutzgründen nicht in jedem Falle eine Kastration von gemeinsam
gehaltenen Böcken notwendig.
Wie bei jeder anderen Tierart auch, sollte dem Besitzer frisch kastrierter
Böcke immer mitgeteilt werden, dass das Meerschweinchen günstigstenfalls noch
6 Wochen nach castrationem zeugungsfähig ist!
Weibliche Geschlechtsorgane:
Die Ovarien des Meerschweinchens liegen beiderseits kaudal der Nieren und
sind längsovale Gebilde von 3 bis 5 mm Länge. Das Meerschweinchen weist
analog zum Kaninchen einen Uterus duplex auf. Die Vagina ist ca. 3 bis 4 cm
lang und endet in einem nur kurzen Vorhof. Das Endstück ist meist epithelial
verklebt und nur zur Brunstzeit geöffnet.
Meerschweinchen sind mit 4 bis 5 Monaten zuchtreif. Sie sind polyöstrisch,
d.h. sie weisen einen Zyklus auf mit folgenden Zyklusabschnitten: Proöstrus
1,5 Tage, Östrus 8 - 11 Stun-den, Metöstrus 2,5 - 3 Tage und Diöstrus 15 -
17 Tage, so dass sich eine Gesamtzykluslänge von 16 bis 19 Tagen ergibt. Die
Brunst beginnt mit der Auflösung der Vaginalmembran. Dabei handelt es sich
um einen echten epithelialen Verschluss, der durch Wachsen und Verkleben
zweier Schleimhautleisten im Scheideneingang zustande kommt. Am Ende des
Proöstrus wölbt das Scheidensekret diese Membran vor, die dann für die kurze
Brunstperiode einreißt und den Eingang der Scheide freigibt.
Der Östrus dauert nahezu 24 Stunden mit einer Hauptbrunst von ca. 10
Stunden. Danach ist die Vagina während des ganzen Metöstrus, des Diöstrus
und eines Teiles des Proöstrus durch eine jeweils neu gebildete
Vaginalmembran wieder fest verschlossen. Eine Begattung außerhalb der
eigentlichen Brunst ist deshalb nicht möglich.
Brunstsymptome: - offene Vagina durch Einreißen der Membran
- leichte Anschwellung der äußeren Geschlechtsteile
- seröse Flüssigkeit am Scheidenausgang
- Unruhe, Nervosität und Wühlen in der Einstreu
Der bei erfolgreicher Paarung gebildete Scheidenschleimpfropf aus dem Sekret
der Samenblase des Bockes fällt nach wenigen Stunden ab und wird in der
Zucht als Zeichen für die stattgefundene Begattung gewertet.
Die Trächtigkeit dauert durchschnittlich 68 (64 - 71) Tage. 4 Wochen p.i.
lässt sich palpatorisch eine Trächtigkeit ermitteln.
Das Meerschweinchen baut kein Nest und zeigt keine Unruhe vor der Geburt.
Das weibliche Meerschweinchen entwickelt sehr große Früchte, die nur durch
den Prozess der Erweiterung des Beckenringes in der Vorbereitungsphase der
Geburt den Geburtskanal passieren können.
Während man bei nicht trächtigen Meerschweinchen den Symphysenrand als
schmale, etwas gerundete Leiste fühlt, verbreitert und lockert sich bereits
im letzten Drittel der Trächtigkeit der Symphysenspalt und in der
entstehenden Lücke ist eine sehr elastische, breite Bandmasse fühlbar. Kurz
vor der Geburt ist der Spalt 1,5 bis 2 cm breit (Daumenprobe!). Gleichzeitig
werden die beiden Hüftbeine in den Gelenken zum Kreuzbein immer lockerer und
ermöglichen eine passive Beweglichkeit. Sobald dieser Zustand eingetreten
ist, steht die Geburt un-mittelbar bevor. Nach der Geburt bildet sich das
Becken mit Schluss der Schambeinfuge innerhalb von 10 bis 12 Tagen wieder
zurück. 2 bis 13 Stunden nach der Geburt wird das Weibchen erneut brünstig.
In der Regel werden 1 bis 4 nestflüchtige Jungtiere geboren, die bei der
Geburt 60 bis 180 g wiegen. Innerhalb der ersten beiden Lebenswochen
verdoppeln sie ihr Gewicht. Das Muttertier hat nur 2 kaudal gelegene
Zitzen. Sie säugt ihre Jungtiere längstens 4 Wochen, meist nur 3 Wochen,
weshalb Jungtiere auch problemlos mit 21 - 28 Tagen abgesetzt werden können.
· Haut und Hautanhangsorgane
Die Haut des Meerschweinchens ist sehr derb, straff und faltenlos, was die
subkutane Injektion schwierig macht. Spärlich behaart sind die Ohren, die
Oberschenkelinnenseiten, der Hodensack beim männlichen und die Vulva beim
weiblichen Tier. Haarlos ist die Region hinter den Ohren, im Bereich der
Fußsohlen, Ballen und Zehen sowie im Bereich des Zitzenvorhofes der beiden
kaudal gelegenen Zitzen.
Die Haare des Meerschweinchens zeigen in Bezug auf die Wachstumsregulation
eine Besonderheit: Jeder Haarfollikel hat seinen eigenen Zyklus, der
periodisch verläuft. Man unterscheidet eine Wachstums- oder Anagenphase,
eine Übergangs- oder Katagenphase, die durch das Sistieren des Haarwachstums
charakterisiert ist, sowie eine Ruhe- oder Telogenphase, die für jedes Haar
eine bestimmte Zeit dauert und mit Lockerung und Ausfall des Haares endet.
Das Fell des Meerschweinchens insgesamt setzt sich zusammen aus Haaren aller
drei Phasen, wobei die Anagenphase 16 bis 40 % betragen soll. Einen großen
Einfluss auf das Wachstum der Haare hat die Trächtigkeit: 4 bis 5 Wochen vor
der Geburt nimmt das Wachstum der Haare ab, erreicht zum Zeitpunkt der
Geburt östrogenbedingt ein Minimum und setzt 1 bis 4 Wochen nach der Geburt
wieder verstärkt ein. Dabei werden die in der Telogenphase befindlichen
Haare aus Ihren Follikeln durch nachwachsende Haare der Anagenphase
verdrängt, so dass es gleichzeitig zu Haarausfall und intensivem Nachwachsen
von Haaren kommt (Effluvium capillorum post partum). Auch nach Östrogengaben
oder durch östrogenproduzierende Ovarialzysten werden die Haarfollikel in
die Telogenphase versetzt, so dass das Haarkleid allmählich immer dünner
wird bis hin zum völligen Haarverlust. Die Haut des Meerschweinchens weist
im allgemeinen nur wenige rudimentäre Schweiß- und Talgdrüsen auf mit
Aus-lahme einer für sie typischen Häufung in Form des Kaudalorgans und der
Perinealdrüsen.
Das Kaudalorgan (Gl. caudalis) ist ein im Bereich des Kreuzbeins
ausgebildetes ovales Drüsenfeld mit einer Anhäufung von Talgdrüsen. Die Haut
wird durch das fetthaltige Drüsensekret und abgestoßene Hornmassen
schmutzig-gelb oder schwärzlich gefärbt. Es handelt sich um eine
akzessorische Geschlechtsdrüse, die beim geschlechtsreifen Männchen am
stärksten entwickelt ist. Sie sezerniert vermutlich sexuelle Duftstoffe.
Perinealdrüsen kommen nur beim Meerschweinchen vor: Dies ist ein zwischen
Anal- und Geschlechtsöffnung gelegenes Hautdrüsenorgan, dessen
Ausführungsgänge in eine im Peri-neum gelegene, unpaare Hauttasche münden.
Perinealsack und -drüsen sind bei beiden Ge-schlechtern ausgebildet, beim
männlichen Tier jedoch intensiver, da sie durch Androgene stimuliert werden.
In der von zwei Längswülsten verdeckten Hauttasche wird das fetthaltige
Perinealdrüsensekret gesammelt.
Analdrüsen kommen bei Meerschweinchen NICHT vor.
· Herz, Kreislauf und Atmungsapparat
Das Herz hat die Gestalt eines stumpfen Kegels. Die Lunge soll mit einem
ausgeprägten lymphatischen System versorgt sowie von einer ungewöhnlich
starken Reaktionsfähigkeit gekennzeichnet sein. Diese Voraussetzungen
dürften auch die Tendenz zum verstärkten Niesen bei Linksherzinsuffizienz
begünstigen, die häufig bei Meerschweinchen zu sehen ist.